Brasilien

NORDOSTBRASILIEN
Zwischen zwei Welten

Ein Blick auf die Landkarte verrät, dass wir trotz der gefühlt ewig dauernden Busfahrten nur einen Bruchteil des Landes gesehen haben. Im Norden fehlen noch einige tausend Kilometer zum Amazonas mit seinen scheinbar endlos weiten Regenwäldern und mehrtägige Reisen trennen uns noch von den grossen Metropolen im Süden des Landes.
Und auch wenn der ganze Nordosten Brasiliens im Reiseführer auf wenige Seiten gepresst wird, sehen wir die unterschiedlichsten Gesichter des Landes. Zwischen alten Kolonialstädten an der Küste, einsamen Stränden und grünen, erfrischenden Wäldern im Hochland  liegen nur ein paar Millimeter auf der Karte, ein paar Stunden im Bus.


Weihnachten im Einkaufszentrum, Fortaleza
Fussball am Strand, Canoa Qebrada
Auf der Fähre, Praia da Pipa



Recife
Tor zu Olinda

Es ist laut und schmutzig und nach dem wir von Recife gehört und gelesen haben warten wir nur darauf, bis uns jemand überfällt. In jedem Menschen sehen wir einen potentiellen Kriminellen, der uns mindestens ans Gesparte will. Wir nehmen gleich am Morgen dem Bus nach Boa Viagem. Der Strand liegt eingeklemmt zwischen dem Meer und den Hochhäusern und die steigende Flut knabbert an dem bisschen Sand, bis gegen Mittag nur mehr wenige Meter übrig bleiben.




Olinda
Der Name ist Programm

Neben Recife nimmt sich Olinda wie ein kleines Paradis aus. das Zentrum besteht aus Häusern und Kirchen aus der Kolonialzeit, welche sich unter schattige Bäume drücken. Ein paar Affen hägen in de Mittagshitze faul auf den Telefonleitungen. Die Strassen sind steil und führen alle auf einen Hügel im Zentrum, von wo aus man einen wunderschönen Ausblick über Olinda und die Hochhauswüste von Recife hat. Nach dem Tag in Recife geniessen wir die Ruhe in hier.




Mit dem Bus fahren wir eine gute Dreiviertelstunde nach Norden. In Maria Farinha suchen wir uns ein Boot, welches uns zur kleinen Insel Ilhota da coroa do avião bringt. Unterwegs steigt noch der ein oder andere aus und ein, aber bald fahren wir auf das offene Meer zu. Bei Ebbe müssen wir die gesamte Insel umfahren. Trotz des Umwegs müssen wir das Boot im seichten wasser über Sandbänke ziehen. Die Ilhota da coroa do avião ist nicht wirklich eine Insel, nur bei Flut reisst die Verbindung zum Festland ab. Es ist gemütlich, aber nach einigen Stunden am Strand wollen wir noch mehr sehen und lassen uns die zweihundert Meter nach Itamaracá übersetzten. Dort befindet sich eine Schutzstation für peixe boi's, Seekühe, die aber in der Mittagshitze nur träge im grünen Wasser liegen. Auf dem Rückweg werfen wir noch einen Blick in das alte Fort, das die Holländer hier errichtet haben. Bei Flut schippern wir nun auf der anderen Seite um die Insel herum zurück nach Maria Farinha.


Ilhota da coroa do avião



Praia da Pipa
Strand der Drachen

Am Neujahrstag reisen wir gut zweihundert Kilometer nach Norden zur Praia da Pipa. Über der Stadt liegt noch der strenge Geruch der Reste der Silvesterfeiern und nimmt in der Hitze unangenehme Duftnoten an. Etwas ausserhalb finden wir eine nette Pousada mit Schwimmbad. Ein Schwimmbad in greifbarer Nähe ist in dieser gegend ein Muss, wenn man noch nicht vorhat, kurzfristig zu vertrocknen.
Wir machen einen Ausflug nach Süden. Immer entlang der Küste in Richtung Sibaùma. Wilde, verlassene Strände wechseln sich ab mit kleinen, etwas heruntergekommenen Dörfern, die sich vom Wirtschaftsaufschwung wohl etwas mehr erhofft haben und die sich nun mit Hotelruinen vollgepflastert sehen. Einen Fluss überqueren wir mit kleinen Fähren, das Wasser ist bei Ebbe so seicht, das wir zwei Schiffe brauchen, um nicht mitten im Fluss auf Grund zulaufen: eines für das Fahrzeug und ein anderes für uns Passagiere. Neben uns laufen ein paar Kühe durchs Wasser, unbeeindruckt von dem kleinen Stau, der sich inzwischen bei den fähren gebildet hat.

Frederico o Bode, eine regionale Berühmtheit
Delphine in den Buchten der Praia da Pipa



 Canoa Quebrada
Falesias am Atlantik

Um den Wochenendtouristen aus Fortaleza zu entgehen, fahren wir also am Donnerstag nach Aracati und weiter nach Canoa Quebrada, auf deutsch zum "kaputten Kanu" etwas südlich der Bundeshauptstadt. Der Name täuscht, ein schmuckes Städtchen schmiegt sich an die Dünen oberhalb der Falesias, die steil zum Wasser abfallen und nur einen schmalen Streifen Strand übrig lassen.
Ein Buggy bringt uns nach Süden an die Grenze des Bundesstaates. weil unser Fahrer im Nachbardorf einige Einkäufe erledigen muss, haben wir noch Gelegenheit, eine "Schiffswerft" zu besuchen. Dort werden noch die traditionellen Jangadas gefertigt, hochseetaugliche Segelflösse, die komplett ohne Nägel und Schrauben zusammengeschustert werden.

Aracati, das Tor zu Canoa Quebrada
Fliegende Händler am Strand von Canoa Quebrada
Die Elemente nagen nicht nur an den Falesias, sondern auch am Wahrzeichen



Ubajara
Im Hochland von Cearà

Es ist eine andere Welt in die wir eintauchen. Nach fünf Stunden fahrt durch eine -kurz vor der Regenzeit- karge, ausgetrocknete Landschaft, müht sich der Bus eine Passstrasse hoch. Plötzlich sind die Bäume grün und ein weites Hochplateau auf gut achthundert Metern über dem Meer öffnet sich vor uns. Am Abend wird es kühl, wir haben die Jacken also einmal nicht nur für die Tiefkühlfahrt im Bus mitgenommen.
Am nächsten Tag marschieren wir in den Ubajara Nationalpark, der kleinste Nationalpark in Brasilien. Wir wandern auf einem Pfad zu einer Plattform, die uns einen atemberaubenden Blick über den abrupten Abbruch des Hochlands bis weit in die Tiefebene bietet. Auf den Bäumen lassen sich ein paar Affen blicken, die uns neugierig einen kurze Zeit folgen.
Am Nachmittag machen wir uns auf zur Cachoeira do frade am westlichen Rande des Hochlands. Es ist viel trockener hier und der grün umrahmte Bachlauf nimmt sich zwischen dem braunen, staubigen Gebüsch wie eine Oase aus.
Wir könnten problemlos mit unseren Flip-flops gehen, so unser Guia, und das leuchtet uns noch ein, als wir durch das weit übers knie reichende Wasser waaten. Beim abklettern zum Wasserfall über glatte und abschüssige Felsen und improviesierte, wacklige Leitern, die wohl nicht mehr lange mitmachen, zweifeln wir dann doch etwas. Doch der Wasserfall belohnt die Mühen.
Am letzten Tag will ich die Grotten von Unajara sehen. Mit einer klapprigen seilbahn geht es bergab zum Eingang des Höhlensystems. Beieindruckende Felsformationen, groteske Stalagmiten und tief hängende Stalaktiten sind die stummen Zeugen einer jahrtausende alten Geschichte dieser faszinierenden Welt tief unter der Erde, die nur von Fledermäusen bewohnt wird.

Unterwegs im Nationalpark
Cachoeira do frade
Der Eingang zu den Grotten von Ubajara

fotos © anapaulalorenacoelho | michaeldellantonio